Streit um Europas Arzneimittelversorgung: Lagerbestände versus heimische Produktion
Roger AdolphStreit um Europas Arzneimittelversorgung: Lagerbestände versus heimische Produktion
Auf dem jährlichen Handelsblatt-Kongress gerieten Branchenführer in Streit über die Widerstandsfähigkeit der Arzneimittelversorgung in Europa. Vertreter von Pharmaunternehmen und Krankenkassen diskutierten kontrovers über Lagerbestände, Handelsabkommen und die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten. Die Debatten offenbarten tiefe Gräben darüber, wie kritische Medikamente gesichert werden können.
Tim Steimle, Leiter Pharmazie bei der Techniker Krankenkasse (TK), betonte, Deutschland habe sein Ziel erreicht, Vorräte für sechs Monate anzulegen. Zudem hätten Rabattverträge sich zu umfassenderen Versorgungsvereinbarungen gewandelt – mit Ausnahme von Kinderarzneimitteln. Steimle begrüßte das geplante Freihandelsabkommen mit Indien als "positiven Schritt".
Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), wies die Sechs-Monats-Reserve als unzureichend zurück. Statt starre Lösungen in Beschaffung und Lagerung zu sehen, müssten Behörden realistische Krisenszenarien definieren, forderte er. Inanc mahnte zudem, die Abhängigkeit von US-gesicherten Seewegen für den Arzneimitteltransport zu verringern.
Thomas Weigold, Deutschland-Chef von Sandoz/Hexal, nannte das Indien-Abkommen "absurd" und warnte, es schwäche die Resilienz bei Generika. Besonders Antibiotika und Generika seien gefährlich von China abhängig, so Weigold. Er drängte die EU, kritische Medikamente als Teil der Sicherheitspolitik einzustufen und die heimische Produktion zu stärken.
Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), hielt Vorratshaltung bei Generika für wirtschaftlich wenig sinnvoll. Gesundheitspolitik sei untrennbar mit Industrie- und Sicherheitspolitik verbunden, betonte er und verwies auf die Chipkrise in Europa als Warnsignal. Ohne Investitionen in Forschung und Produktion blieben die Schwachstellen bestehen, warnte Joachimsen.
Die Debatte zeigte deutliche Meinungsverschiedenheiten auf, wie Europas Arzneimittelversorgung gesichert werden soll. Während einige auf Handelsabkommen und Lagerbestände setzten, forderten andere mehr heimische Produktion und Krisenvorsorge. Ein rascher Konsens zur Verringerung ausländischer Abhängigkeiten zeichnete sich nicht ab.






